„Älteste“ vermitteln Orientierung. Wie das funktioniert und was man daraus ableiten kann, zeigt das Beispiel der Elefanten im Hluhluwe-Omfolozi-Nationalpark in Südafrika.

Janine Grab Bolliger Bearbeitung Joujou pixelio.de

 

Unsicherheit breitete sich im Zulu-Land aus, als wildgewordene Elefanten alles kurz und klein schlugen. Sie rissen reihenweise Bäume aus, griffen Touristenautos an, trampelten Zäune nieder und hatten bereits ein paar der kostbaren Nashörner getötet. Die Wildhüter des Hluhluwe-Omfolozi-Nationalparks in Südafrika wussten nicht warum und überlegten bereits den Abschuss der Tiere.

Wie konnte es dazu kommen?

Viele Touristen wollten Elefanten vor die Linse bekommen. Aber um Hluhluwe-Park gab es keine. Um die Besucherzahlen zu sichern, brachte man einige junge und kräftige Exemplare herbei und ließ sie frei. Anstatt brave Motive abzugeben, gerieten sie außer Rand und Band und wurden gefährlich.

Ein Wildhüter wollte den jungen Rowdies noch eine Chance geben und fragte die Ältesten eines Dorfes, das am Rande des Parks liegt. Die lächelten nur und meinten: „Ganz einfach, da fehlt ein Ältester!“

Also fing man einen weiteren, diesmal alten Elefanten ein und ließ ihn mitten im Park frei. Er würde, so die Erwartung, die Jungen züchtigen und ihnen Manieren beibringen. Doch nichts dergleichen geschah!

Der alte Elefant ging nur ruhig seiner Wege und kümmerte sich nicht um die Halbstarken. Das Wunder trat dennoch ein und die jungen Dickhäuter wurden von alleine zu ganz normalen Elefanten.

Wie ist das zu erklären?

Was war hier geschehen?

Wieder ging der Wildhüter zu den Ältesten des Dorfes und fragte sie. Sie sagten, den jungen Kerlen hätte nur das Bild gefehlt, wie man sich als guter Elefant benehme. Das habe sie unsicher gemacht. Aus reiner Furcht hätten sie überall ihre Stärke demonstriert. Die Angriffe hätten sozusagen sicherheithalber stattgefunden.

Einer der alten Zulus erklärte die Aufgabe eines Ältesten so: „Ein Ältester ist einer, der versteht und verstanden wird. Nicht nur durch das, was er sagt, sondern durch das, was er tut und wie er lebt. Ein Ältester gibt das, was er weiß und als wichtig verstanden hat, an die Menschen weiter, damit das Leben weiterläuft und einfacher wird. Ein Ältester pflanzt Samen in die Herzen der Jüngeren.“

Lothar_Henke_pixelio.de
Was hat diese Geschichte mit uns zu tun? Und was mit dem Leben in Organisationen?

Älteste sind die wichtigsten Erfahrungsträger jeder Gemeinschaft. Wir sind da nicht anders. Nur haben wir verlernt, auf diese soziale Funktion zu achten. Zu einem "Ältesten" wird man nicht einfach, weil man alt ist, sondern weil man etwas verstanden hat und gehört wird, wie der alte Zulu sagte: Zum „Ältesten“ wird man nicht, weil man es selbst will, sondern weil man beachtet und beobachtet wird. Es geht um die Wirkung, die durch diese (Be-)Achtung erzeugt wurd.

Im weiteren Sinne gilt das also für Respektspersonen jeder Art, von Eltern, über Lehrer, bis zur Führungskraft und zu erfahrenen Kollegen. Sie alle werden ständig beobachtet, um zu wissen, „wie man sich als guter Elefant benimmt“. Ihr Vorbild bestimmt Verhalten und Klima.

Der Begriff „Vorbild“ trägt aber kein Vorzeichen. Vorbilder sind nicht per se gut. Sie werden beobachtet, um Verhaltenssicherheit zu finden. Deshalb werden sie imitiert. Das ist Verhaltenslernen.

Die Tiefenwirkung des so vermittelten Bildes ist von ungeheuerer Bedeutung. Denn aus ihnen wird gelesen, wie die Welt funktioniert, wie man sich in ihr verhalten soll und wie man wahrnehmen und fühlen soll.

Bei den Elefanten hat das gut funktioniert.

Was geschieht aber, wenn solche Träger von Orientierung in Richtungen weisen, die das Lebnen nicht einfacher machen, sondern es erschweren? Was, wenn sie selbst orientierungslos, verwirrt und verängstigt sind? Welche Botschaft über das Benehmen eines „guten Elefanten“ wird dann vermittelt?

Es wird sich ein Leitbild von Orientierungslosigkeit, Verwirrung und Angst ausbreiten. Denn Menschen sind – ebenso wie Elefanten – besonders gut darin, Verhalten und innere Motive anderer Menschen zu lesen. Sie schauen hinter die Worte, vor allem dann, wenn sie länger zuschauen können. Daran kann auch die beste Verschleierung durch PR, Werbung oder Rhetorik nichts ändern!

Wieso, zum Teufel, arbeiten wir eigentlich hier?

Aus dieser Geschichte ergeben sich nicht nur einige Erklärungen über das, was an nahezu jeder Ecke zu beobachten ist. Vor allem lässt sich daraus ableiten, wie ungünstige Verhältnisse verbessert werden können. Es geht darum, so sagte der alte Zulu, „wie das Leben weiterläuft und wie es einfacher wird.“

Wieso arbeiten wir eigentlich hier? Diese Frage muss von Organisationen positiv beantwortet werden, sollen Engagement und Leistungsfreude hoch und Krankenstände niedrig bleiben. Wie das geht, kann man von den Elefanten und den Zulu-Ältesten lernen.

Das Verständnis des natürlichen Generationenvertrages, von dem diese Elefantengeschichte erzählt, bildet dafür die Grundlage. Die Umsetzung beginnt mit der Übernahme der Verantwortung für die Samen, die man in die Herzen jener pflanzt, die einen beobachten.